void – kol ischa asirit

void – kol ischa asirit

„Ein seltsames Raunen geht durch die Reihen, das Raunen eines Menschengewühls, einer bis zum Wahnsinn verängstigten Menge. Die Deutschen brüllen: ‚Stillgestanden!‘ Meine Zähne klappern, obwohl ich sie fest zusammenbeiße, sie klappern einfach. Jemand zieht mich so heftig zu sich, daß ich beinahe hinfalle. Mama schiebt mich auf ihren Platz. Irgend etwas passiert zwischen den Frauen, sie schieben und stoßen einander von einem Platz auf den anderen, jede in der Reihe versucht den Platz einer anderen einzunehmen. Jetzt wissen wir, was ‚Dezimierung‘ bedeutet: Ein Deutscher geht die Reihe entlang, zählt bis zehn und zieht jede Zehnte mit dem gekrümmten Griff seines Stockes am Hals heraus.

Ich schaffe es nicht, auf Mamas Platz zu gelangen, sie sind bereits zu nah bei mir, ich beschließe, mich freiwillig zu melden, wenn Mama herausgezogen wird. Wozu soll ich ohne sie leben? Da ist zwar noch Papa, aber ihm bleibt Adam. Ich erinnere mich, wie sie sich einmal, noch im Ghetto, leise miteinander unterhielten. Damals sagten sie, wenn einer von uns umkommt, gehen wir alle in den Tod. Das habe ich mir gut gemerkt. Ich versuche, Haß auf die beiden zu entwickeln, die uns in diese Situation gebracht haben, aber die Gedanken laufen mir davon. Es steht schlecht um uns, aber ich will leben, auch wenn ich hungrig, erschöpft und halb erfroren bin. Ich will nicht viel – nur leben.

Wieder bekomme ich einen Stoß. Ich glaube, nun ist es soweit. Nein, eine der Frauen hat mich zur Seite gestoßen, in ihren Augen steht der Wahnsinn. Noch bevor ich mich zur Wehr setzen kann, taucht wie aus dem nichts Hauptscharführer Landstorfer mit Gefolge auf. Er schreitet die Reihen ab, verlangsamt den Schritt, ich schließe die Augen, glaube schon, den Krückstock um den Hals zu fühlen. Ich halte den Atem an,

vielleicht ersticke ich ja, vielleicht hört mein Herz auf zu schlagen, vielleicht sterbe ich hier, ganz von allein, an Ort und Stelle. Ich höre alles, ich höre es so deutlich, daß es schmerzt, es dröhnt in meinem Kopf. Ich blicke nicht auf, aber ich weiß, daß er stehengeblieben ist. Schnell, schneller, sonst trete ich aus freien Stücken aus der Reihe, ich halte es nicht mehr aus! Und plötzlich: ‚Rrraus!‘ Jemand reißt mich am Arm, nicht am Hals. Ich öffne die Augen. Er zerrt die sich wehrende Frau, die mich im letzten Augenblick auf ihren Platz geschubst hatte, aus der Reihe. Die Frau schreit, das sei nicht ihr Platz und krallt sich an meinem Ärmel fest. Ich stehe da und rühre mich nicht. Landstorfer schlägt ihr mit der Peitsche über die Hand. Sie läßt mich los, stützt zu Boden, wälzt sich hin und her und schreit dabei fortwährend, das sei nicht ihr Platz.

Tränen laufen mir über das geschwollene Gesicht. Ich weine, weil ein paar Zentimeter über Leben und Tod entscheiden können. Ich weine vor Freude, daß sie meinen Platz wollte. Ich weine, weil in wenigen Minuten sie sterben wird und nicht ich. ‚Es ist ein Wunder, es ist ein Wunder‘, wiederholt Mama mit bebenden Lippen.

Nein, es ist kein Wunder, es ist die Angst, diese unmenschliche Angst; sie hatte sich verrechnet…

Als ich das Knattern des Maschinengewehrs vom Hügel hörte, wurde mir übel: ich glaubte, ich müsse mich übergeben. Stets werde ich das Gesicht dieser Frau vor mir sehen. Ich wollte das nicht. Es war mein Platz, eine andere starb für mich. Ergab das einen Sinn? Am Ende aber konnte auch ich heute oder morgen oder übermorgen umgebracht werden.“

(Stella Müller-Madej, Das Mädchen von der Schindler-Liste. Aufzeichnungen einer KZ-Überlebenden, München 1998, S. 114 f.)

 

void – kol ischa asirit

‘A strange murmur goes through the rows, the murmur of bustling people, a crowd scared to the point of madness. The Germans yell, “Stand still!” My teeth chatter, even though I’m keeping them clamped tightly together; they just keep chattering. Mama pushes me to her place. Something happens between the women: they push and shove one another from one place to the next, and everyone in the row tries to take someone else’s place. Now we know what “decimation” means: a German walks along the row, counts to ten, and pulls out every tenth woman by the neck with the curved handle of his cane.

I don’t manage to reach Mama’s place, they’re already too close to me, and I decide to volunteer if Mama is pulled out. What’s the point of living without her? There’s still Papa, but he has Adam. I remember how they were talking quietly once, back in the ghetto. They said that if one of us died, we’d all choose death. I made sure to remember that. I try to work up some hatred for the two who got us into this situation, but my thoughts escape me. Things are looking bad for us, but I want to live, even if I’m hungry, exhausted and half frozen to death. I don’t want much – just to live.

I feel another push. I think it’s time now. No, one of the women has pushed me aside, I see madness in her eyes. Before I can even defend myself, Head Squad Leader Landstorfer and his men appear as if out of nowhere. He strides down the rows, slows his pace, and I close my eyes, thinking I can already feel the walking stick around my neck. I hold my breath; maybe I’ll suffocate, maybe my heart will stop beating, maybe I’ll die here on the spot of my own accord. I can hear everything, I hear it so clearly that it hurts, pounding in my head. I don’t look up, but I know he has stopped. Faster, faster, or I’ll step out of line myself, I can’t take it anymore! And suddenly: “Out!” Someone pulls on my arm, not my neck. I open my eyes. He pulls the struggling woman, the one who had pushed me to her place at the last moment, out of the row. The woman screams that it’s not her place and clings to my sleeve. But I stand there and don’t move. Landstorfer strikes her hand with his whip. She lets me go, falls to the ground and rolls about, screaming again and again that it’s not her place.

Tears run down my swollen face. I’m crying because a few centimetres can make the difference between life and death. I’m crying for joy that she wanted my place. I’m crying because in a few minutes, she’ll die and I won’t. “It’s a miracle, it’s a miracle,” Mama repeats with trembling lips.

No, it’s not a miracle, it’s fear, that inhuman fear; she miscalculated…

When I heard the rattling of the machine gun from the hill, I felt sick; I thought I would vomit. I’ll always see the face of that woman before me. I didn’t want that. It was my place, and someone else died for me. Was there any sense in that? But in the end, I could be killed today or tomorrow or the day after.’

(Stella Müller-Madej, A Girl from Schindler’s List [London: Polish Cultural Foundation, 1997])